ich
  dietmar
  sibylle
  leer

Klick

 

(Bei diesem Text handelt es sich um die Poetry Slam-Version [sprich: Kurzfassung] meines Beitrags in der Anthologie „Heute hier – morgen tot…]

 

Und dann passiert es. Klick. Es wird dunkel. Das war’s. Feierabend. Die Sache mit dem Bier und der Zigarette hat funktioniert.

Der letzte Gedanke: Ich liebe Euch. Danke. Tschüß.

 

Ich wusste es: Ich würde sterben – heute Nacht. Und mir war klar: Nein, definitiv keine Party! Also Plan B: Den besten Freund einladen, so viel Zeit wie noch irgend möglich mit ihm, meiner Freundin und meinem Sohn verbringen. Zeit genießen, so gut es geht. Viel ist es ja nicht. Keine Zeit mehr, ein Bild zu malen oder das Buch zu Ende zu lesen. Nie wieder Sommer, kein Heimspiel mehr. Den Sohn nicht aufwachsen sehen. Das Fahrrad fahren wird ihm jemand anderes beibringen müssen. Kein Haus bauen, keinen Baum pflanzen. Man kann nicht alles haben.

Es war eigentlich immer mein Plan, mit Zigarette und Bier in der Hand zu sterben. Im Sitzen. Ich bin kein Held. Ich war auch kein Held, fällt mir auf. Ich habe halt versucht, gut durchzukommen. Aufrecht zu sein. Ich wollte die Menschen, die ich treffe, gut behandeln. Hat nicht immer geklappt. Tja. Irgendwie war es trotzdem okay. Der Kampf ist gekämpft, der Lauf ist vollendet. Jetzt bin ich fertig. Am Ziel.

Es gibt nichts mehr zu tun. Nächstes Bier. Die Situation ist verrückt. Aber Angst? Ich habe mich Zeit meines Lebens mit dem Tod beschäftigt. Ich wusste, dass er kommen würde. Irgendwann. Immer irgendwann vielleicht sofort. Ich spüre keine Angst. Es ist eher eine gewisse Aufregung. Wo geht es hin? Irgendwie soll es jetzt schnell gehen, aber irgendwie bitte auch gar nicht. Bier. Zigarette. Ich sehe meine Freundin an, meinen Sohn, meinen Freund. Mein Gott, was für unglaubliche Menschen! Ihr habt mein Leben schön gemacht.

Klick.

 

Und jetzt? Ganz langsam tut sich was. Ich scheine auf einer Art Flur zu stehen. Also doch, oder was? Tatsächlich! Muss ich jetzt was machen?

Ich gehe los. Es wirkt wie ein ewiglanger Kellerflur, aber so richtig unangenehm ist es nicht. Ich stelle fest, dass immer wieder Türen am Rand auftauchen. Diese Türen haben kleine Fenster, durch die ich hindurchsehen kann. Offenbar handelt es sich um Abzweigungen, die ich während meines Lebens hätte wählen können. Hinter einer Tür sehe ich mich alt und verheiratet mit meiner Ex-Freundin. Hinter einer anderen sehe ich mich auf einer Demonstration Steine schmeißen. Bei den meisten Türen habe ich witzigerweise das Gefühl, dass es für mich ganz gut gelaufen ist. Okay, die Kokaintür sieht recht viel versprechend aus. Aber sonst…

Hinter vielen Fenstern sehe ich meine Familie. Freunde und Freundinnen – tja, und Ex-Freundinnen – laufen mir über den Weg. Alter, was für Typen! Was für durchgeknallte Typen! Und was für tolle Menschen! Die meisten. Die eine oder andere Liaison erscheint mir selbst jetzt noch peinlich. Oh Mann, das wäre doch echt nicht nötig gewesen! Ich kann mir ein Lachen nicht verkneifen. Aber da sind auch meine Freunde. Mein lieber Herr Gesangsverein! Wir hatten echt Spaß!! Abgefahren. Grillen an der Elbe, Punkrock, Fußball, Dreyer und Silbersack... Na, komm – ein Bier noch! Es war eine geile Zeit! Ja, Mann, es war eine richtig geile Zeit! Ich liebe Euch. Danke. Tschüß.

Langsam nähere ich mich dem Ende des Korridors. Dort ist eine Tür ohne Fenster. In Ermangelung brauchbarer Alternativen öffne ich die Tür und stelle etwas überrascht fest, dass ich nicht vor meinem Schöpfer stehe, sondern in einer riesigen Parkanlage! Nirgendwo Scheiterhaufen und Schmerzensschreie. Yes – Himmel!! Eine unglaubliche Weite! Geil! Viele Menschen tummeln sich allein, zu zweit oder in Gruppen. Gute Laune hier! Atmosphärisch erinnert es an eine Mischung aus Baggersee und Uni-Campus. Cool!

Plötzlich steht Olli vor mir. Olli ist vor einigen Jahren mit dem Auto tödlich verunglückt. Er hat Bier und Zigaretten dabei. Okay, alles wird gut! Olli ist quasi mein persönliches Empfangskomitee. Er möchte wissen, ob ich irgendwelche Fragen habe. Na logo! „Was ist mit Gott? Wo ist Gott? Er ist doch nicht wirklich tot, oder? Und welcher ist es? Ist es Jesus oder Odin oder wer?“ „Na ja, einen Gott gibt’s schon. Aber er hat sich mir nicht vorgestellt. Vielleicht ist er so ein bisschen von allem. Alle sind hier offensichtlich sehr zufrieden. Du kannst hier alles haben, was sie Dir versprochen haben: Vergebung der Sünden, dutzende Jungfrauen, Milch und Honig, Festtafel – das volle Programm. Entscheidend ist, im Himmel geht es allen gut.“

Apropos Himmel. Ich frage Olli, wie die Sache mit Himmel und Hölle geregelt ist. Er sagt: „Hölle? Ham wa nich.“ Wie – ham wa nich?? Das ist die Antwort? Es gibt keine Hölle? Wozu dann der ganze Stress? Und was ist mit Adolf? Mit Osama? Mit Klaus Kinski? Die haben gelebt wie die letzten Sauhunde und genießen jetzt hier das totale Ferienparadies? Das hatte ich mir aber ganz anders vorgestellt! Irgendwie so wie BRD und DDR: Die einen haben es gut und die anderen schlecht. Und jetzt das: keine Hölle! Das gibt’s doch gar nicht! Warum?? Wo bleibt denn da die Gerechtigkeit, in Gottes Namen??“

Olli sagt: „Es gibt keine Gerechtigkeit. Aber es gibt nicht deswegen keine Gerechtigkeit, weil irgendjemand ungerecht ist, sondern weil es Gerechtigkeit einfach nicht gibt. Gerechtigkeit ist eine Erfindung. Ein Fake! Die Lösung lautet: Jeder Mensch ist gut. Wenn es nach menschlichem Ermessen gerecht zuginge, wäre dieser Freizeitpark leer. Und die Hölle voll. So einfach.“

„So einfach?“ Ich fasse es nicht.

„So einfach“, sagt Olli.

 

Inzwischen habe ich mich im Himmel ein wenig umsehen können und – Olli hatte Recht: Es geht hier allen gut. Jeder gibt sich so, wie er ist. Und Du spürst, dass hier niemand Angst hat. Niemand hat Angst, nicht satt zu werden. Oder seine Leistung nicht zu bringen. Oder etwas falsch zu machen. Das ist das ganze Geheimnis. Hier muss an niemandem mehr herumgeschraubt werden. Weil jeder hier Mensch ist.

Ich habe auch Gott getroffen. Er ist ein richtig netter Kerl. Ich sach mal: Charisma. Und er hat Humor! Weiß Gott, Gott hat Humor! Er freut sich über jeden, der hier ankommt. Und das allein beweist schon, wie viel Humor er wirklich hat.

Tja. Und nun sitze ich hier auf meiner Wolke. Wenn ich weiß, dass es bei Euch dunkel wird, mache ich es mir hier oft gemütlich. Dann sitze ich so da und rauche eine Zigarette und trinke mein Bier. Und dann denke ich an Dich, meine Liebe, an meinen Sohn, an meine Freunde und Familie. Und dann wünsche ich mir manchmal, Ihr wärt auch schon hier. Aber dann schaue ich Euch zu und freue mich, dass Ihr Eure Sache echt gut macht und ich drücke Euch die Daumen. Dann sehen wir uns eben ein bisschen später.

Ich liebe Euch. Danke. Bis bald.