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Frage an Dich

 

Ja, ist klar, also echt, Du hast recht:

Die Welt ist schlecht:

 

Internet, Tagesschau,

Morgenpost und Bild der Frau:

Überall gibt es Skandale,

allerübelste Randale;

Zumwinkels und Ackermänner,

Abzocker und Geldverbrenner

sind die Aristokratie

dieser Scheindemokratie.

 

Und an ihrer Seite grinsen

„Volksvertreter“ in die Linsen,

viel Profit, doch kein Profil,

spielen sie ihr blödes Spiel.

Und sie drehen krumme Dinger,

heben artig ihre Finger,

wenn es ihren Freunden nützt,

denn schon bald man selber sitzt

in der Firmen Aufsichtsrat,

deren Ziele man vertrat.

 

Aktionäre wollen seh’n,

dass die Aktien oben steh’n.

Soll es klingeln in den Kassen,

musst Du Arbeiter entlassen.

Schmeiß sie raus, setz sie frei

– wie Du’s nennst, ist einerlei:

Denn im Großen und im Ganzen

zählen nur bessere Bilanzen.

 

Und als Krönung fordern wir:

strenge Regeln bei Hartz 4.

Denn ob Telekom, VW,

Nokia oder BMW:

Alle rausgeschmissenen Leute

bilden eine faule Meute,

kiffen, saufen mit Gejohle,

zocken ab vom Staat die Kohle.

 

So ist’s jedenfalls zu lesen

im gesamten Presse-Wesen,

denn die Auflage, sie lacht,

wenn der Titel Stimmung macht.

Deine Meinung bilden wir,

Denken kannst Du schenken Dir.

Unsere Botschaft, das ist klar:

Arsch und Titten, Blablabla.

 

Schriftgelehrte Pharisäer,

kranke Wort- und Heilsverdreher

schüren Hass in jedem Land,

drücken Bomben in die Hand.

Gott ist Eure Handelsware

– Frohe Botschaft? Gott bewahre!

Haltet Eure Schäfchen klein,

dumm kommt in den Himmel rein.

 

Auch im so genannten Sport

bricht das Wort im Weltrekord.

Siegabsprachen, Wettgewinne,

Werbung nervtötet die Sinne,

Dopingsünder, Korruption

– Fairness ist der blanke Hohn.

Sauberer Sport ist nicht zu retten

– Was wollen wir wetten?

 

Ja, ist klar, also echt, Du hast recht:

Die Welt ist schlecht:

 

Und so sitzt Du vor der Glotze

und denkst „Scheiße, Mann, ich kotze!

Kann es nicht mehr lang ertragen,

würd’ Euch gern vom Globus jagen.

Überall nur Lug und Trug,

langsam habe ich genug.

In den Sack, in den Sack,

in den Sack das ganze Pack!

Und dann immer kräftig drauf!“

– Lass dem Frust mal freien Lauf!

 

Doch ich frag mich, kann es sein

– Du und ich hier ganz allein?

Alle suchen ihren Vorteil,

nur wir beide sind d’accord, weil

wir so gute Menschen sind

– und der Rest der Welt, der spinnt?

 

Da muss ich intervenieren,

denn es würd mich interessieren:

Wenn ich in Deinen Keller geh

– wie viel Leichen ich wohl seh?

Darum möchte ich jetzt von Dir wissen:

Welchen Preis, welchen Preis,

welchen Preis, welchen Preis, welchen Preis

– hat Dein Gewissen?

 

Du weißt, Dein Lieblingskaffee stinkt,

weil viel Leid darin ertrinkt:

Sklavenarbeit, Hungerlohn,

Landreform – wen juckt das schon?

 

Und für deinen Lippenstift

spritzt man Menschenaffen Gift,

Hunde, Mäuse, Ratten, Katzen

– massenhaftes Tierabkratzen

für ein neues Haarshampoo

– und wer gar nichts merkt, bist Du.

 

Musst Du Dich abreagieren,

gehst Du Menschen massakrieren:

Ego-shooter virtuell

tötet schnell und maschinell.

Ach, natürlich, Du hast Recht:

Diese Leichen sind nicht echt!

Und Dein Menschenbild bleibt heil,

Bilder töten, das ist geil!

 

Über jeden Krieg der Welt

freut sich Siemens, dann gibt’s Geld!

Und Du bist dort Aktionär,

Aktien steigen, Kohle her!

Tja, ist ätzend, so ein Krieg,

doch der Shop am Jungfernstieg,

der ist wirklich ziemlich teuer,

da hilft Siemens ungeheuer.

Drum: Auf Aktien zu verzichten,

das gefiele Dir mitnichten.

 

Sag, nutzt Du inzwischen Strom

ohne Kohle und Atom?

Oder bist Du zu bequem,

zu verlassen das System?

Diese Öko-Strom-Geschichte

ist bloß was für Müsli-Wichte,

Weltverbesserer, Utopisten,

grüne Fundis, Kommunisten.

 

Normen, Regeln und Gesetze

sind moralisches Geschwätze;

Regeln brauchen nur die Schwachen,

da kannst Du nur über lachen.

 

Und Du findest gute Gründe,

zu verteidigen die Pfründe:

Ein Versicherungsbetrug

ist ein richtig schlauer Zug,

denn das trifft nur die Konzerne

- und die trifft man richtig gerne.

 

Man das gleiche Argument

auch von Schwarzarbeitern kennt.

Kann man super Steuern sparen,

ein Mal mehr in Urlaub fahren.

Und das klappt auch bei der Bahn,

Schwarzfahren kann man nur bejahen.

Steigen dann die Preise sehr,

lohnt es sich sogar noch mehr!

 

Ja, je mehr ich überlege,

find ich tausend tolle Wege,

jede Nische auszunutzen,

weiße Weste zu beschmutzen:

Mit dem Auto im Verkehr,

die Gebühr für’n Fernseher

und erklär ich meine Steuer,

wird’s für Vater Staat sehr teuer.

Schummeln, mogeln und betrügen,

lügen, dass sich Balken biegen.

 

Eigentlich bin ich ja ehrlich

und auch völlig ungefährlich.

Denn die andern tun’s doch auch;

ich nehm mir nur, was ich brauch;

das ist harmlos, sagst Du immer,

die da oben sind viel schlimmer;

man muss auch sehen, wo man bleibt,

eh man rote Zahlen schreibt.

 

Komm schon, nenn mir Deinen Preis,

damit ich es endlich weiß:

Was ist Deine Seele wert?

Was ist Dein Damoklesschwert?

Bist Du Wolf im fremden Fell?

Was ist für Dich essentiell?

Ist Dein Stolz, ist Deine Würde

für Dich wichtig oder Bürde?

Kann ich Deinen Worten trauen,

darauf ganze Häuser bauen?

Oder ist Dir die Moral

letzten Endes doch egal?

Stirbt Deine Integrität

an simpler Realität?

 

Mann oh Mann, also echt, Du hast Recht:

Die Welt ist schlecht.

 

Aber ist ja einerlei,

was soll all die Fragerei?

Ich bin nur ein Haarespalter,

Besserwisser, Lohnbuchhalter,

Spießer, Narr und Harlekin

ohne gute Medizin.

 

Ach, was soll der ganze Mist,

diese Welt ist, wie sie ist.

Komm wir trinken noch ein Bier,

meinetwegen auch drei, vier.

Ich hab keine Lust zu zanken.

Schimpfen wir noch auf die Banken,

Politik und Lobbyisten,

Nazis, Papst und Nihilisten.

Nicht lang schnacken,

Kopf in’n Nacken!

Prost, hau wech -

denn in einem hast Du Recht:

Die Welt ist schlecht.